Lese-Ecke

Übrigens! Die Geschichten in meiner Leseecke schreibe ich selbst! Meist sind es wahre Begebenheiten, naja, die ein oder andere Zeile ist geflunkert, schließlich bin ich die Märchenoma vom Bernstädter Weihnachtsmarkt - und da darf ich das!

Leider fällt auch in diesem Jahr das Oktoberfest in Kemnitz aus.

Um Ihnen jedoch ein Lächeln und Erinnerungen ins Gesicht zu zaubern, lesen Sie doch

meine Geschichte über den Traumbaum!

Der Traumbaum

Oktoberfest! Nein, nicht das in München – nein, hier ganz in der Nähe, in Kemnitz, bei Löbau. Ein Wahnsinn, was da schon seit Jahren abgeht. Eines der Highlights in diesen Wochen ist mit Sicherheit der Bauernmarkt. Und wir mit unserem Traumbaum waren wieder mittendrin. Wir, das ist das Team der Wellnessoase Bernstadt. Meine fleißigen Bienchen und ich, Barbara Nehrettig. Wir bieten auf dem Bauernmarkt etwas Tolles für Kinder, das Kinderschminken. Und weil wir diese Attraktion allen Kindern ermöglichen wollen, ist diese Sache ganz kostenfrei. Das Schminken wird sehr rege angenommen und so passiert es mitunter, dass Warteschlangen entstehen. Und Warten ist für Kinder nicht so toll! Deshalb ergab sich die Geschichte mit dem Traumtraum. Ohne die Dekoidee, Apfelbäumchen wird Traumbaum, wäre das alles gar nicht passiert.

Aber es war so, der Apfelbaum im Garten war nicht mehr ertragreich und irgendwie im Weg. „Der muss fallen!“ lautete der Beschluss. Und wie er da so stand, dacht ich, so ist das, er taugt nichts mehr, soll weg! Ich hab was dagegen, wenn Bäume wegsollen! Bei Weihnachtsbäumen ist das etwas anderes, die werden noch herausgeputzt, ehe sie … - und da war die Idee! Der Apfelbaum wurde fester Dekobestandteil der Deko in unserem Wellnessbereich. Kurze Zeit drauf ereilte mich die Nachricht – ich werde Oma. Ich war hocherfreut und begann so nach und nach in verborgenen Winkeln unseres Dachbodens zu kramen und holte gut Vertrautes hervor. Ein Schaukelpferd, eine Babywiege, das Bettchen u.s.w.  auch Kinderbücher und Schallplatten hatte ich fein säuberlich für eben diesen Moment aufgehoben. „Der Traumzauberbaum“ von Reinhard Lakomy – toll, was haben meine Kinder diese Geschichtenlieder gern gehört. Ich musste reinhören und war selbst wieder Kind. In meiner Phantasie sah ich sie alle: Waldwuffel, Moosmutzel usw. – Und natürlich den Traumzauberbaum! Da durchzuckte mich der tolle Gedanke! Ich nehme zum Bauernmarkt meinen Apfelbaum mit, taufe ihn Traumbaum und mit der Musik verkürzen wir den wartenden Kindern die Zeit! Gedacht, getan!

Eingegipst in einen Mischtrog hatte mein Baum Standfestigkeit – nur er war hundeschwer! Wie also damit bis nach Kemnitz? Ich wand mich an eine Kundin, deren Mann ein Bauunternehmen hat. Die Idee fand man gut, wir bekamen das notwendige Fahrzeug. Alte Gartenbänke, Spinnen, Eule, Fledermäuse und viele „Traumblätter“ rundeten das Bild um unseren Stand auf dem Bauernmarkt ab. Überrascht war ich, wie viele Kinder die Geschichte vom Traumzauberbaum kannten, war es doch schon so viele Jahre her, als ich die Schallplatte für meine Kinder gekauft hatte! Natürlich bekam ich dann erzählt, dass die Geschichten auch nach der Wende im Kulturpalast Dresden aufgeführt wurden und noch immer werden. Toll finde ich das – Gutes setzt sich halt durch!

In all dem Getümmel auf dem Bauernmarkt fiel mir ein kleines süßes Mädchen auf, das von seiner Mutter von einem Verkaufsstand zum anderen „gezogen“ wurde. Die Kleine konnte nicht über die Ladentische schauen und sah sehr unglücklich aus! Ich nahm mein Glöckchen, um auf unseren Stand aufmerksam zu machen, die Kleine schaute zu uns, die Mutter hatte jedoch zwischen Pelzmützen und Schafseife zu viel zu tun, sie bemerkte uns nicht. Ich ging einfach zum Seifenstand und fragte die Kleine, ob sie ein lustiges Gesicht gemalt haben will, sie nickte und die Mutter schien froh zu sein, dass ihr Kind mit mir ging! Sie interessierte sich nicht einmal, wohin wir gingen – sehr leichtsinnig, dachte ich! An der in Spinnenweben eingehüllten Gartenbank machte sie Halt und staunte unseren Baum an. „Das ist der Traumbaum“, sagte ich und fragte sie, ob sie die Geschichte vom Traumbaum kenne. Sie schüttelte ihre blonden Locken durcheinander. Ohne Aufforderung sagte sie „Ich bin Marie-Luis und bei meiner Oma zu Besuch, schade, heute Abend fahren wir wieder heim.“

Sie zog sich den Kopfhörer über und lauschte. Meine Blicke hafteten auf diesem Kindergesicht, meine Mitarbeiter hatten alle Hände voll zu tun, aber ich war voll und ganz mit Marie-Luis beschäftigt. Da zuckte ein Lächeln in ihrem Mund, alsbald gefolgt von Runzeln auf der Stirn, dann wieder mitreißendes Gekicher.
Nun war sie zum Schminken an der Reihe. Sie wollte eine Katze werden! Als das Kunstwerk in ihrem Gesicht vollendet war, kam sie wieder zu mir auf die Bank. „Du Tante, und das ist wirklich wahr? Man kann sich mit seinem Traumblatt was wünschen? Und das wird dann wirklich wahr?“ – „Natürlich, Marie-Luis, das ist so!“
Sie nahm mich bei der Hand und hielt mich ganz fest. „Du, ich hab mir was gewünscht.“
Schnell fiel ich ihr ins Wort, denn Wünsche gehen nur in Erfüllung, wenn man sie für sich behält. „Achso!“, meinte sie, setzte sich auf die Bank und aß einen Apfel. Wir hatten für die Kinder einen großen Korb frisch gepflückter Äpfel mitgebracht und wer da sagt, Kinder essen das nicht, der hats noch nicht probiert! In eine spannende Geschichte verpackt, schmeckt jedes Obst – frisch vom Baum! Gut, zurück, sie saß da und aß den Apfel – plötzlich fragte sie, ob sie noch mehr Äpfel bekommen kann. „Wieso, hast du Geschwister?“ – „Nein, aber wenn ich keinen mehr bekommen kann, dann muss ich den hier aufheben.“ – „Warum?“, war meine Frage. Da platzte es aus ihr heraus! „Na ich hab mir doch ein Meerschwein gewünscht und wenn ich nach Hause komme und es ist da, hab ich doch gar kein Futter, deshalb brauche ich Äpfel!“ Sie sah mich erschrocken an, ein Blitz durchzog sie. „Ich sollte es doch nicht sagen!“ Sie begann zu weinen und ihr Katzengesicht war ein einziges Durcheinander. Wir alle bemühten uns, die Kleine zu beruhigen, sie war todunglücklich. Suchende Blicke von mir in die Menge – von der Mutter keine Spur. Offensichtlich hatte die Kleine auch keine Sehnsucht nach ihr. Während meine Kollegin versuchte, das „Kätzchen“ wieder zu reparieren, machte ich Marie-Luis den Vorschlag, sich doch zu Weihnachten ein Meerschwein zu wünschen, diesen Wunsch auf den Wunschzettel zu schreiben, schließlich war es ja bald Zeit für Wünsche!
„Ich kann doch nicht Schreiben, ich komm doch erst nächstes Jahr in die Schule!“ – „Dann frag doch deine Mutti, ob sie dir dabei behilflich ist.“ Prompt kam die Antwort: „Nee, das schreibt meine Mutti nicht auf, die mag keine Tiere in der Wohnung.“ Hilflos dachte ich: So sieht sie aus, Pelzkappe auf den Kopf kaufen und Pelz um den Hals!
Noch in meinen Gedanken kam diese „Mutter“ – kein Wort an uns, kein Blick in dieses süße Katzengesicht – nahm ihr Kind und war weg! Verstohlen nahm Marie-Luis noch zwei Äpfel mit, als ob sie sagen wollte: Man kann ja nie wissen.

Kinder kamen, Kinder gingen, jedes ein einmaliges Geschöpf. Und doch, wir alle mussten immerzu an Marie-Luis, ihren Wunsch und „diese Mutter“ denken.
Dann plötzlich, eine Stunde später – schon von weitem Marie-Luis‘ Stimme – freudig, erregt! „Tante! Tante! Es hat geklappt!“ Es dauerte noch eine Weile, bis der Stimme ein Wesen folgte, ja, es war Marie-Luis! In ihrer einen Hand einen Schuhkarton mit vielen Löchern, an der anderen Hand „diese Mutter“ mit einer finsteren Miene! Ich ahnte es und stammelte der Mutter zu: „Ich kann wirklich nichts dafür!“
Marie-Luis war mit den Großeltern an einer Tombola vom Kleintierzüchterverein und… Sie gewann ein Meerschwein. Marie-Luis steckte sich die Taschen voll Äpfel. Als ich mich zu ihr bückte, sagte sie: „Es bleibt bei Oma, bei den Kaninchen. Aber ich darf es besuchen kommen!“ Ehrlich, ich hatte so meine Befürchtungen – bei „dieser Mutter“ – aber Oma ist gut – alles war gut und Marie-Luis überglücklich!
Nein, nein noch ist meine Geschichte nicht zu Ende.

Ich erzählte am gleichen Tag einer Kundin, die den Teil mit dem Schuhkarton gerade beobachtete, was sich im Vorfeld abgespielt hatte. Sie fragte, ob auch Erwachsene sich was wünschen können. „Natürlich“, meinte ich, „aber ich übernehme keine Garantie!“
Ortswechsel – die eben erwähnte Kundin heiratete zwei Wochen später. In strömendem Regen fuhr ich am Hochzeitstag zur Braut zum Styling. In strömendem Regen fuhr ich weiter, um in der Hochzeitslocation Dekovorbereitungen zu treffen. Als ich nach Hause fuhr, strahlte der Himmel in einem einzigartigen Blau! Als ich eine Woche später den Rechnungsbetrag für diesen Auftrag las – da stand dort „Und vielen Dank fürs Wetter!“
Da wusste ich, was sich die Braut unter meinem Traumbaum gewünscht hatte – Traumhaftes Wetter am Hochzeitstag!